Horst im TV Bild bei der Deutschen Latte Art Meisterschaft 2015. Ein wichtiger teil seiner Kaffee Liebesgeschichte

Oder: wie der Kaffee in mein Leben kam

Es duftet…so intensiv und lecker. Ein Hauch von Exotik und Abenteuer liegt in der Luft, es ist überwältigend und zeitgleich so gewohnt und wohlig. Um mich herum lauter alte Möbel aus dunklem Holz, dem gleichen Holz aus dem die Theke gebaut ist. Dahinter sind riesige goldene Silos, gefüllt mit Kaffeebohnen in unterschiedlichen braun Tönen. Sie kommen aus fremden Ländern und scheinen jeweils eine Geschichte erzählen zu können. Geschichten voll von Abendeuer. Sie werden auf Wunsch in exklusive goldene Tüten gefüllt uns mit einem freundlichen Lächeln überreicht. Ich stehe mit meiner Mutter in einer alten Rösterei und bin ca. 6 Jahre alt. 

Dies ist ein Kombinierter Artikel zu beiden Podcast Folgen. Die zweite Folge findest du an der entsprechenden Textstelle. Ganz am Ende findest du auch noch ein Galerie mit Impressionen aus meiner Kaffee Liebesgeschichte

Dieser Moment, so alltäglich er für die Erwachsenen damals auch gewesen sein möchte, ist bis heute eine meiner intensivsten und prägendsten Kindheitserinnerungen.

Zuhause angekommen möchte ich unbedingt einen Schluck probieren von dem Getränk, dass so unglaublich gut riecht. Was soll ich sagen….welch eine Enttäuschung. Wie kann etwas, dass so gut riecht so sehr nach alter Socke schmecken?

Zeitsprung

Viele Jahre und noch mehr mit viel Milch und Zucker erträglich gemachte „Kaffees“ später, stehe ich zum ersten Mal hinter einer Espressomaschine an einer Barista Bar und bin heillos überfordert mit Allem. (Die „“ um den Kaffee, da ich diese Milch, Zucker, Karamellsirupkreationen heute kaum noch als Kaffee bezeichnen würde)

Frappuccino an einer Barista Bar. Man sieht einen Holztisch vor einer Barista Bar stehen. Auf ihm, in einem Plastik Becher ein großer Frappuccino mit Schokoladensirup und einem Oreokeks in der Sahnehaube. Ein Produkt, dass wenig mit Kaffee zu tun hat.

Inzwischen arbeite ich an einer mittelgroßen Bar in der Nähe der LMU München, um mir neben meinem Studium etwas Geld zu verdienen. Dank viel Geduld meiner Chefin und Kollegen habe ich irgendwann den Dreh raus. Mittlerweile schmeckt mir der sogar Cappuccino ohne Zucker und Sirup. Aber von der Lösung des Rätsels, um die Divergenz zwischen herrlichem Geruch und dem gebrühten Ergebnis, bin ich zu diesem Zeitpunkt noch Meilen weit entfernt.

Recht schnell finde ich aber immer mehr Gefallen an der Arbeit mit Kaffee. Insbesondere am kommunikativen und Gastronomischen Teil des Ganzen. Nicht zuletzt, weil es ein schönes Leben sein kann, wenn man als Student hinter einer Kaffeebar an der Uni arbeiten kann. 

Alles hat ein Ende

Als die Entscheidung näher rückt wie ich in mein Berufsleben starten möchte, schmerzt mein Herz bei dem Gedanken keinen Kaffee mehr ausschenken zu können so sehr, dass ich mich eines Tages meinen Kopf überredet bekomme meinem Herzen zu folgen und Kaffee zu meinem Hauptberuf zu machen.

„Wirf dein Studium doch nicht weg!“, „Damit kann man doch kein Geld verdienen!“ , „Und dann? Willst Du dein Leben lang an einer Bar arbeiten?“, „Echt? In einer Kantine willst Du arbeiten?“

Ist nur ein Auszug, aus dem was ich nach dieser Entscheidung hören durfte. Sei es aus meinem Umfeld oder meinem eigenen Kopf. Aber mir war bewusst, ich will es versuchen! Ohne zu wissen, wohin mich die Reise führt. Nur meine damalige Chefin sagte: „Wenn Du dort mit genau so viel Leidenschaft ran gehst, wie hier und bist, wie Du bist, dann wirst Du es ganz weit bringen.“ (oder so ähnlich). Stefi, ich danke Dir bis heute für diesen Satz!

Man sieht Horst von einfach mal Kaffee in seinem Element, als Barista hinter einer Kaffee Bar. Er trägt ein weißes Hemd und eine schwarze Weste, hält ein Milchkännchen aus Edelstahl in der Hand und greift nach zwei weissen Cappuccino Tassen, die auf dem Abtropfgitter der schwarzen Dalla Corte Evo 1 stehen. Im Hintergrund sieht man wohl den Innenbereich einer Cafeteria eines klassischen Bürogebäudes.

2013 habe ich dann also mein Akademiker Leben an den Nagel gehängt und fand mich hinter einer riesigen Bar in der Cafeteria eines Medienunternehmens wieder. An der Brust ein Namensschild mit dem Logo eines mittelständigen Caterers und insgesamt völlig überfordert.

Nachts verfolgten mich Tassen, Teller und Knöpfe bis tief in meinen Schlaf. Eine extreme Zeit, aber eben auch extrem lehrreich. Nach den ersten anstrengenden Wochen sah ich plötzlich wie gut ausgebildet alle um mich herum waren, wie toll und konstant ihre Kaffees waren. Das wollte ich auch.

Kurz darauf wurde ich erst Schichtleitung und nur wenig später stellvertretender Serviceleiter.

Ein „echter Barista“ werden

Egal was ich im Leben kennenlerne oder erlerne, ich will immer verstehen, was ich da tue, warum ich es mache und wie genau es funktioniert. Also habe ich immer danach gestrebt Kaffee auch wirklich zu verstehen, und nicht nur Handlungen auszuführen.

2014 ging dann mein Traum in Erfüllung. Mein Weg führte mich auf einen Barista Grundkurs und nicht nur irgendeinen, nein. Leiter war Christian Ullrich, frisch gebackener Latte Art Weltmeister – das sind die, die auf dem Cappuccino zeichnen können!

(Das Interview mit Christian findest du hier)

Zur Begrüßung gab es erst mal einen Filterkaffee. „Oh man, wer trinkt denn heute noch Filterkaffee und dann auch noch schwarz?“ ging es in meinem Kopf. Zumindest roch er super und die Kanne sah auch extrem cool aus. Ich nahm den ersten Schluck und konnte es erst mal kaum wirklich erfassen. Was war das? Es war so UNGLAUBLICH LECKER! „Hat er da Sirup rein? Kein bisschen bitter, eher wie….Blaubeersaft“. Dieser Kaffee schmeckte sogar noch besser als er roch.

Es geht also doch!

Da war sie zum ersten Mal zum greifen nahe, die Antwort auf mein Rätsel. Das will ich auch können! Dieser eine Kaffee öffnete mir das Tor zu einer ganz neuen Welt, die in Vielfalt und Größe unbeschreiblich ist.

Mein Kopf verwandelte sich in einen Schwamm, ich saugte alles auf was an Informationen da war. Sowohl während der zwei Tage bei Christian als auch in den Monaten darauf. Ich kaufte mir Ausrüstung zum Brühen, sündhaft teuren Kaffee, Literatur, schaute mir Videos an, und übte in der Arbeit. In meinem Kopf gab es nur noch KAFFEE. Von A wie Anbau bis Z wie Zubereitung, alles, ich wollte alles wissen!Dann kam die Anfrage, die wohl mein Leben veränderte. Christian fragte mich, ob ich Lust hätte an Meisterschaften teilzunehmen, er würde mir helfen mich vorzubereiten. Wenn dich der Weltmeister fragt, ob er dich in seiner Disziplin trainieren soll, weil er Potential in dir sieht, dann ist die Antwort klar.

Die nächsten Monate waren intensiv. 

Ich hatte inzwischen den Standort gewechselt und konnte dort nach Bar Schluss trainieren. Etwa 4 Monate lang gab es täglich 8 Stunden „Kaffees raus bolzen“ und danach noch mal 2 – 4 Stunden Latte Art Training.

Im Spätsommer war es dann so weit. Mein erster Wettbewerb. Eine Vorbereitung auf die Deutsche Meisterschaft. Es ging nach Innsbruck auf die FAFGA, eine mittelgroße Tiroler Gastronomie/Hotelerie/Tourismusmesse. Hier findet die internationale & Tiroler Kaffeemeisterschaft statt. Sperriger Name, wahnsinnig professionell organisiert. Auf diese Meisterschaft fahren viele der ambitionierten Teilnehmer der nationalen Meisterschaften aller angrenzenden Länder, um sich vorzubereiten und sie werden bewertet von Juroren, die zum Großteil auch auf den Weltmeisterschaften Teil der Jury sind. Das Niveau ist entsprechend hoch, die Stimmung unbeschreiblich kollegial.

Dort stand ich also als Newbie auf einer Bühne und zeigte meine 10 Minuten Präsentation mit zittrigen Händen, schweiß gebadet und beobachtet von 5 Juroren, einer Kamera und vielen Zuschauern.

Die Bühne der internationalen und Tiroler Kaffeemeisterschaften auf der Fafga Messe in Innsbruck. Im Vordergrund sieht man ein paar Zuschauer. Die Bühne ist in weiß gehalten mit zwei in L Form aufgebauten Tresen, auf denen jeweils baugleich Siebträgermaschine und Mühle stehen. An der Linken der beiden Tresen steht gerade ein teilnehmender Barista vor den Juroren und beginnt seine Präsentation.
Nicht ich, aber ein geschätzter Barista Kollege auf der Kaffeemeisterschaft. Dieses Bild stammt aus 2018.

Ich habe so viel gelernt! 

Nicht nur auf der Bühne, sondern vor allem daneben. Von Mitbewerbern, Kaffeeprofis aus der ganzen Welt, Röstern, Juroren. Die meisten sind inzwischen Freunde. Außerdem habe ich Goran kennengelernt. 

Goran Huber absoluter Vorreiter der Österreichischen Spezialitäten Kaffeeszene, mehrmaliger nationaler Barista Meister, 8. Der Weltmeisterschaft und inzwischen ausgezeichnet zu einem der besten Barista Trainier Europas. Er ist der Organisator dieses Events und betreibt das Kaffee Institut Innsbruck. Er berät seit Jahrzehnten alle möglichen Teilnehmer in der Kaffee Branche. Vom einfachen Barista bis zu den großen Kaffeefirmen. Er ist ein lebendiges „Kaffee Wikipedia“. Und bei alle dem ist er einer der herzlichsten und freundlichsten Menschen, die ich kenne. Eine absolute Koryphäe, die noch eine große Rolle beim Finden meiner Antwort spielen sollte.

(Mit Goran gab es auch schon eine Folge, die findest du hier)

Auf der Meisterschaft sprang für mich gleich der 4. Platz heraus. Meine Mission Finale bei der deutschen Meisterschaft war also auf Kurs.

Es folgte noch mehr Training

Es folgte weitere Wochen intensives Trainings, bis es dann Ende 2015 soweit war und ich auf der Bühne der deutschen Meisterschaften stand. Die Aufregung wird nicht weniger, soviel sei gesagt. Immerhin trainiert man 6 Monate bis weit über den Punkt hinaus an dem man den Geruch von geschäumter Milch noch erträgt, ohne großes Privatleben, für diese – in der Vorrunde – 8 Minuten Präsentation. Diesmal begleitet von noch mehr Zuschauern und zwei Kameras.

Horst auf der Deutschen Latte Art Meisterschaft 2015. Er trägt ein braunes Hemd, schwarze Handschuhe und eine schwarze Schürze. Gerade ist er dabei eine silberne Thermoskanne aufzuschrauben, während er neben einer La Marzocco Siebträgermaschine steht. Nach diesem Event ist er Head Barista geworden.

Zufrieden war ich am Ende zwar nicht, aber es reichte für das Finale. Ich hatte mein Ziel erreicht! Finalist der Deutschen Latte Art Meisterschaft. Ich war offiziell unter den 6 besten Latte Artists in Deutschland. Alles weitere war Zugabe.

Das Finale fand dann vor geschätzten 200 Zuschauern live statt. Alle meine Kollegen und Freunde schauten per Video Stream zu und ich war eigentlich recht entspannt. Zugegeben vielleicht etwas zu entspannt. Aber am Ende stand Platz 5.

Aus alle dem ist der größte Zugewinn aber bis heute nicht das, was auf der Bühne passiert ist, sondern all das, was ich lernen durfte und vor allem wen ich kennen lernen durfte.

Danach ging alles rasend schnell

Kurze Zeit später wurde ich Head Barista bei meiner Firma war fortan für bis zu 18 Kaffeebars jeglicher Größe und Art, sowie für den Kaffee Part in insgesamt 20 Betrieben zuständig.

Es gab Weiterbildungen am Kaffee Institut bei Goran zu allem, was mit Kaffee zu tun hat. Sensorik, Rohkaffee, Rösten. Ich absolvierte die mehrstufige Ausbildung zum „Barista & Coffee Master“, besuchte Fachmessen, Fachtagungen, las Fachliteratur und lernte fortwährend aus meinem Netzwerk, sowie meiner täglichen Arbeit in unseren Bars und mit meinen Kollegen.

Ich habe einen Espresso Blend kreiert, Menschen ausgebildet, Kaffee Farmen besucht und mich schon mehrmals um die Welt verkostet.

Die Lektion von der Geschicht´? Die leichte Antwort gibt es nicht!

Bleibt die Frage nach der Antwort auf mein Rätsel aus Kindertagen. Wie kann etwas das so herausragend gut riecht, so nach alter Socke schmecken?

Um so mehr ich über Kaffee weiß, und um so mehr darüber herausgefunden wird, um so klarer wird, dass diese Frage in keinem Fall pauschal zu beantworten ist. Kaffee ist so komplex, sensibel und so abhängig von den unterschiedlichsten Faktoren, dass es schlicht unmöglich ist eine einfache und pauschale Antwort zu geben. Wer das macht, oder wer sagt er wisse alles über dieses faszinierende Lebensmittel, der hat entweder keine Ahnung oder spielt etwas vor.

Zudem hat jeder einen anderen Zugang zu diesem wunderbaren Getränk. Es gibt von absoluten Kaffeemuffeln bis zum größten Nerd eine nicht enden wollende Anzahl von Graustufen und das multipliziert mit all den unterschiedlichen Kaffeekulturen rund um die Welt. Denn Kaffee wird so ziemlich in jeder Kultur getrunken und hat überall seinen eigenen Touch.

Wie wunderbar das doch ist!

Nun muss und kann nicht jeder so viel Interesse und Begeisterung für dieses Thema aufbringen wie ich es tue. Ganz im Gegenteil, ich sehe oft, wie Menschen sich in große Fragezeichen verwandeln, weil sie nicht verstehen, wie man für etwas so Banales so sehr brennen kann. Aber wie sollten sie auch, sehen sie doch all die spannenden Themen, die mich so sehr begeistern nicht geschweige denn, kennen sie die tollen Geschichten, die der Kaffee eben schreibt.

Deshalb ist 2020 einfach mal Kaffee entstanden, um genau diese Brücke zu bauen.

Hier sind noch ein paar Links Interviews, die ich schon gegeben habe, wenn dich andere Blickwinkel auf diese Geschichte auch interessieren.

Dir danke ich fürs Lesen, Teilen, Fragen und damit fürs mitbauen!

Lust auf einfach guten Kaffee?

Eine Kaffeetüte aus braunem Papier, bedruckt mit einem einfach mal Kaffee Stempel liegt auf einem dunklen Holztisch. Wir sehen die Szene von oben. Hierbei handelt es sich offensichtlich um einen Filterkaffee Blend.
einfach mal Kaffee Filterkaffee Blend

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