Maschinelles Rüttelsieb zur Sortierung von Rohkaffee. Ein nötiger schritt auch bei direct Trade.

Wie direkt und fair kann direkter Handel wirklich sein?

Wer Zertifikate und fairer Handel sagt, der muss auch direct Trade sagen. Diesen Begriff hat wohl jeder schon mal gehört, der sich mit Nachhaltigkeit auch im Handel beschäftigt. Es klingt auch alles so logisch, natürlich möchten wir, dass die Helden aus den Kaffeefeldern gut bezahlt werden für ihre glorreichen Taten. Da springt direkt das Gerechtigkeitszentrum im mitteleuropäischen Kopf an und sucht nach Lösungen und Schuldigen.

Gern als solche genommen, sind die Mittelsmänner in der Wertschöpfungskette. Also ist direct Trade oder der direkte Handel nur der logische nächste Schritt nach dem fairen Handel.

Du wirst es ahnen, so schön schwarz-weiß mit offensichtlicher Lösung ist das alles nicht. Warum das so ist, warum direct Trade nicht das gleiche ist wie direkter Handel und vor allem, was es überhaupt mit diesen ominösen bösen Mittelsmännern und -frauen auf sich hat, darum soll es heute gehen.

Viel Spaß beim Lesen und Hören.

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Was ist Direct Trade Kaffee?

Ok, nur um sicher zu gehen. Wir sprechen hier über Arten, wie der Kaffeehandel zwischen Produzent und Röster stattfindet.

Das Direct Trade Siegel ist vor allem erst mal ein nicht geschütztes Eigenlabel, welches in aller erster Linie den Eigenanspruch der Rösterei widerspiegeln soll. Nach meinen Recherchen stammt es direkt aus der Spezialitäten Kaffee Szene der frühen 2000er Jahre.

Der ursprüngliche Begriff hat sich mit der Zeit aber deutlich gewandelt.

Als erste oder mit als erste – so genau kann ich das nicht sagen – hat wohl Intelegensia, eine inzwischen sehr bekannte Spezialitäten Rösterei aus den Staaten, diesen Begriff und das Siegel verwendet. Die von ihnen verwendete Definition von Direct Trade hat sehr strenge Regeln, welche in erster Linie eine enge Zusammenarbeit auf Augenhöhe, den Handel zu deutlich (!) höheren Preisen und eine exzellente Qualität in den Fokus stellen.

Heute ist davon oft nur noch die Hülle übrig. Viele übersetzen nämlich einfach zu wörtlich. Direkter Handel ist nur ein Teil des Ganzen und eben auch gar nicht unbedingt als Ausschluss von allen Mittelsmännern gedacht. Direkter Handel ist nicht das gleiche wie – das ursprüngliche – Direct Trade!

Wie in der letzten Folge bereits beschrieben, wird mit solchen Dingen heutzutage leider viel zu oft vor allem Geld durch gutes Marketing verdient, ohne echten Nutzen dahinter.

Wenn dich Nachhaltigkeit im Kaffee und im Kaffeehandel interessiert, dann sind vielleicht auch die Folgen 7 „Nachhaltigkeit und Kaffee, passt das zusammen?“, Folge 38 „Mit Kaffee Gutes Tun“, Folge 41 Interview mit Hardi Wild und Folge 49 „Kaffee nachhaltig kaufen, geht das?“, spannend für dich.

Röster und Kaffeeproduzent laufen Arm in Arm über die Farm, so stellt man sich direct Trade vor.

Pro und Contra von direktem Handel

Contra

In aller Regel ergibt sich ein deutlicher Mehraufwand für den Produzenten. Besonders die Logistik im Land, welche oft mehr kostet als der Interkontinental Transport, die Bürokratie für den Export, etc. All das lohnt sich erst ab gewissen Abnahmemenge. Außerdem muss der Produzent erst mal die eigenen Möglichkeiten dazu haben. Angefangen vom Wissen, den nötigen Lizenzen, der Zeit alles zu organisieren, oder auch den nötigen finanziellen Mitteln. Zudem trägt er/sie das Risiko, dass etwas schief geht. Das wiederum ist oft existenzbedrohend. All das in der Regel für einen Teil der Ernte, denn in den aller wenigsten Fällen wird die ganze Ernte abgenommen und auch nicht immer kommt es zu mehrjährigen Partnerschaften.

Pro

Hier sei vor allem der Wissensaustausch ganz vorne angeführt. Ein besseres Verständnis dessen, was die Konsumenten mögen für den Produzenten und ein wertvoller Einblick, sowie eine gewisse Einflussnahme Möglichkeit für den Röster. Das eröffnet dann auch ganz neue Entwicklungspotentiale für beide Seiten. Außerdem spielt hier das Wörtchen Wertschätzung eine riesige Rolle. Genauso wie auch die Idee höhere Preise zu zahlen, bzw. dass mehr Geld direkt beim Produzenten ankommt. Das wird unter anderem erreicht in dem man die Mittelsmänner ausschließt.

Aber ist das wirklich ein Ziel? Warum sollen denn die Mittelsmänner ausgeschlossen werden? Was macht denn überhaupt so ein ominöser Mittelsmann, oder Frau?

Ein Stapel aus Jutesäcken für den Kaffeeexport kurz vor dem Bedruckt werden. Ein Job für Spezialisten, die zu fairem Handel dazu gehören.

Die Rolle der Mittelsmänner im Kaffee

Was so ein Mittelsmann/-frau macht, ist sehr unterschiedlich gestaltet. Hier gibt es jegliche nur erdenkliche Ausprägung und Kombination der Aufgabenfelder, sowie sehr diverse Moralvorstellungen. Grundsätzlich sind Mittelsmänner im Kaffee aber einfach Spezialisten in einem Abschnitt, oder dem Gesamten Teilbereich zwischen „Farm Gate“ und Niederlassung des Rösters. Dabei übernehmen sie ganz verschiedene und wichtige Funktionen, wie die Akkumulation von kleinst Ernten, der Vergabe von Krediten, der Aufbereitung, dem Transport, der Lagerung, Vertrieb und Verkauf, Export, Verschiffung, usw.

Die Vielfalt an Ausprägungen von Mittelsleuten ist unendlich. Ich möchte es hier, der Verständlichkeit halber, wie folgt unterteilen:

Coyotes

Menschen die den Farmern, meist ohne Washing Station, ihre Kirschen Abkaufen und dann entweder selbst weiterverarbeiten oder die Kirschen akkumuliert zu einem Käufer bringen. Sie fungieren als schnelle Möglichkeit die Kirschen loszuwerden. Besonders in sehr ländlichen Gebieten mit wenig Infrastruktur genießen diese (meist) Herren einen Zweifelhaften Ruf, weil sie die dringende Verkaufssituation und fehlende Information der Farmer kennen und ausnutzen. Das kann, muss aber nicht sein. Oft fahren sie zu den Produzenten, um den Kaffee direkt dort zu kaufen.

Exporteure

Haben meist eine eigene Dry Mill, oder mindestens Zugang zu einer. Sie kaufen Kaffee im Land und Exportieren ihn zu Partnern in Übersee. Ihre Aufgabe ist vor allem den Kaffee transportfähig zu machen, zu disponieren, zu verzollen und die Logistik bis auf das Schiff abzuwickeln. Für ihre Arbeit brauchen sie i.d.R. staatliche Lizenzen. Ihre Arbeit beginnt in der Regel am Fabrik Tor und endet, wenn der Kaffee auf dem Schiff ist.

Importeure

Firmen, die Kaffees aus aller Welt kaufen und sie in die Konsumentenländern bringen. Sie kümmern sich um den interkontinentalen Transport, die Einfuhr, teils um eine erneute Sortierung, Komissionierung und erste Lagerung.

Trader

Die Verkäufer des Kaffees. Ein Trader oder eine Trading Firma, kümmert sich darum, dass Röstereien, die Kaffees suchen, diesen auch finden oder Kaffee der einen Röster sucht, ebenfalls den Weg dorthin findet. Sie verteilen, suchen Märkte und kommunizieren. Sie schicken Preislisten und Angebote an ihre Kunden, verwalten oft sogar einen Teil des Lagerbestands der Kunden und haben noch viel mehr Angebote. Ihre Arbeit beginnt oft schon mit dem Import, sprich viele von ihnen sind auch Importeure, und endet im Lager des Rösters.

Besondere Rollen

Broker

Sind meist kleinere Firmen oder sogar Einzelpersonen, spezielle Kaffees, meist in höherer Qualität suchen und beim Produzenten Kaufen. Anschließend, bzw. meist gleichzeitig, verkaufen sie den Kaffee an Kunden in den Konsumentenländern. Sie kommen meist aus einem Anbauland oder sind zumindest in einem spezialisiert. Broker managen den gesamten Prozess von der Farm bis zum Röster.

Coffee Hunter

Sie sind im Auftrag von großen Kaffeefirmen in Anbau Regionen unterwegs und suchen gezielt nach Kaffees. In aller Regel geht es darum Kaffees mit einem gewissen Profil für einen gewissen Zweck zu finden. Beispielsweise: „finde: gewaschen, zentral Amerika, Kakaonoten, mittlerer Körper, Volumen: 10 Container, zu Preis xy. Das alles mit dem Ziel diese Bohnen dann in einen Blend zu verarbeiten, der so schmeckt wie wir ihn gewohnt sind. Auch sie sind oft hochgradig qualifiziert und spezialisiert.

Meiner Erfahrung nach und nach einigen Gesprächen mit Röstern und Produzenten ist, neben all den Spezialisten Jobs, die Mittelsleute in dieser Wertschöpfungskette erfüllen, einer der wichtigsten Punkte aber die Kommunikation und das Übersetzen zwischen den Kulturen und Bedürfnissen.

Wie fair ist direct Trade?

Das kommt ganz auf die Menschen an, die es betreiben. Genauso wie es bei nicht direktem Handel auf die Menschen dahinter ankommt. Wie überall im Leben gibt es auch hier völlig moralfrei handelnde Gesellen und Menschen, die großartiges Schaffen und einen super Job machen.

Für Manche ist echter direct Trade, also inkl. höherer Anforderungen an die Handelsbeziehungen (beiderseits!) und Qualitätsstandards, ein guter Weg. Er ist aber steinig, schwer und erfahrungsgemäß mit viel Frust gesäumt.

Wenn dieses Konzept funktioniert, ist es fair. In vielen Fällen ist das aber nicht der Fall. Ob dahinter dann Kalkül steckt, oder einfach nur der Wunsch Vater des Gedanken war, ob es bewusst oder unbewusst passiert, will ich nicht beurteilen.

Für den Export bedruckter Kaffeesack in Guatemala mit dem Maya Cert Siegel, das auch für fairen Handel steht.

Fazit

Jetzt fragst du dich vielleicht, wie man denn dann noch nachhaltig und fair gehandelten Kaffee kaufen soll. Fair Trade ist nicht wirklich fair, Bio auch nur so halb und direkter Handel auch nicht das gelbe von Ei.

Es gibt in all diesen Bereichen viele Menschen, die das was sie tun mit Liebe, Herzblut und Ehrlichkeit betreiben. Auf der Suche nach Diesen helfen nur leider keine Siegel, Zertifikate und sonst welche Labels und Auszeichnungen. Was hilft ist etwas, dass wir alle samt immer mehr verlernen. Vorurteilsfrei hinschauen, auf den Bauch hören und einfach ein wenig realistisches Mitdenken, ohne zu früh zu urteilen. Ganz perfekt ist nichts und niemand und das ist auch gut so.

Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Wozu ich dich hier ermutigen will ist dich auf Entdeckungstour zu machen und mehr Wert auf die Menschlichkeit zu legen, als auf ein buntes Siegel auf der Packung.

Danke fürs Lesen und Hören.

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