Verschiedene Kaffeepackungen im Supermarktregal. Wir sehen dabei eine bunte Mischung an Angeboten und Marken. Ob hier fair gehandelter Kaffee dabei ist bleibt offen.

Und was ist überhaupt fair gehandelter Kaffee?

Aus der Reihe Kaffeehandel Licht & Schatten

Wie kann man eigentlich Kaffee nachhaltig kaufen? Der Kaffeehandel ist ein weltweit gespanntes Netz mit extremer Komplexität. Kein Wunder, ist es doch seit Jahrhunderten organisch gewachsen.

Gerade in der heutigen Zeit wird es für viele Menschen – zum Glück – immer wichtiger ihren Kaffee nachhaltig kaufen zu können. Doch was ist denn wirklich fair gehandelter Kaffee? Welche Herausforderungen gibt es dabei? Wieviel von all dem, was wir mitbekommen, ist Storytelling und was ist Realität?

Um diese Fragen ein bisschen genauer beantworten zu können gibt es beim einfach mal Kaffee Podcast die Reihe „Kaffeehandel – Licht & Schatten“, zu welcher ich diese Woche einen ganz besonderen Gast am Mikrofon habe. In dieser Folge lade ich dich zu einem Gespräch mit einem echten Macher im Kaffeehandel mit Rückgrat ein. Wir treffen uns erneut mit Hardi von der Rösterei Wildkaffee.

In diesem Blogartikel versuche ich nicht die Unterhaltung zusammenzufassen, weil das der Sache nicht gerecht werden würde. Hier möchte ich dir ein paar Hintergründe mitgeben, ein paar Gedanken anregen und Wissens Ressourcen teilen.

Viel Spaß beim Lesen und Lauschen!

Was heißt überhaupt fair gehandelter Kaffee?

(Gleich zu Anfang: Ich werde in diesem Artikel nicht näher auf Zertifikate eingehen, das würde das Format sprengen. Wenn dich das interessiert, gibt es je eigene Folgen, wie beispielsweise den Artikel zu „Bio Kaffee“. Zudem möchte ich hier nicht urteilen, das steht mir nicht zu – schon gar nicht in einem so komplexen Thema wie Kaffeehandel.)

Mit Kaffee kann man viel Geld verdienen. Der Kaffeehandel weltweit hat ein riesiges Handelsvolumen, sowohl in seiner Masse als auch in monetären Sphären. Ca. 200 Milliarden Dollar werden jährlich mit Kaffee umgesetzt.

Der überwiegende Teil der Wertschöpfung findet dabei in den Konsumenten Ländern statt. Der Bereich mit dem größten Anteil menschlicher (schwerer) Arbeit, liegt in den Produktionsländern. Diese Tatsache hat verschiedene Ursachen, welche teils produktbedingt sind, teils historischen und politischen Hintergrund haben. In jedem Fall begünstigt dieser Sachverhalt eine große Disbalance in Handelsbeziehungen.

Das Rohkaffeelager von Wildkaffee. In stylisch dunkel Petroleum gestrichenen und mit Schwarzer Schrift sowie Zetteln dekorierten Wänden, lagert fair gehandelter Kaffee in Jutesäcken auf Paletten.
Grünkaffeelager von Wildkaffee in Garmisch Patenkirchen.

Ab welchem Punkt etwas als fair bezeichnet werden kann, oder welche Faktoren dabei genau einzuhalten sind, dazu gibt es unterschiedliche Auffassungen. Leider ist das Wörtchen „fair“, genauso wie das Wort „nachhaltig“ erst schwer in Mode gekommen, um dann untergraben und teilweise ausgehöhlt zu werden. Dazu aber später etwas mehr.

Für mich bedeutet fair gehandelter Kaffee vor allem, dass alle in der Wertschöpfungskette in angemessenem Maße entlohnt werden, was impliziert, dass jeder von seiner täglichen Arbeit (zumindest) leben kann.

Die Marktmacht

Eine erhebliche Marktmacht liegt bei einer kleinen Menge Käufern, die exorbitant große Mengen Kaffee kaufen und damit sowohl Art als auch Menge und Preis stark beeinflussen.

Nein, sie bestimmen es nicht gänzlich, da Kaffee immer noch ein Natur Produkt ist. Ist die Ernte schlecht, ist die Ernte schlecht. Oder ganz aktuell: Gibt es eine weltweite Pandemie, kombiniert mit einer schwierigen Ernte (besonders in den großen Anbauländern), dann hat der merklichen Einfluss auf das Angebot und damit auf den Preis. (Jetzt da ich diesen Artikel schreibe liegt der Kaffee Börsenpreis auf einem 7 Jahres Hoch. Das hat aber etwas mit Frost in Brasilien und der Pandemie zu tun, nicht mit strukturellen Verbesserungen).

Die größte Macht, und übrigens wohl auch der größte Gewinn, liegt bei den großen Wiederverkäufern (Lebensmittel Großhändler, Supermarktketten, etc.), welche sowohl deinen Kaffee Einkaufspreis als auch die Einkaufspreise der Röster beeinflussen.

Horst von einfach mal Kaffee in seinem Van, hält zwei fünfzig Euro Scheine in der Hand, telefoniert mit der anderen und schaut aufgeregt auf seinen Laptop. Im Vordergrund steht eine Packung nachhaltiger Kaffee.

Rösterseits haben wir wiederum eine Konzentration an Volumen und Marktmacht. Um dir ein Gefühl zu geben von welchen Verhältnissen wir hier sprechen: 45% des Rohkaffee Imports läuft über die 5 größten Röster der Welt: Philip Morris, Nestlé, Sara Lee, Procter & Gamble, Tchibo (sinngemäß übernommen aus „Cheap Coffee“ den link findest du unten). Alle kleinen und großen Hinterhof, aka. Manufaktur, aka. Spezialitäten Röstereien, also alle die dir nun vielleicht als großartiges Beispiel einfallen bei denen fair gehandelter Kaffee im Schaufenster steht, all jene weltweit zusammengenommen, decken 10% des Kaffeeimports ab.

Die armen Bauern

Ja und nein. Denn es gibt auch unter den Produzenten alles zwischen Leben unter dem Existenzminimum und echten Großgrundbesitzern mit Villen auf ihren Anwesen. Das Messen von Wohlstand anhand finanzieller und materieller Maßstäbe im Vergleich mit unseren übersatten Vorstellungen ist meiner Erfahrung nach aber sowieso fehl am Platz. Eine in meinen Augen viel wichtigere Frage ist, ob sich alle in der Kette gleichberechtigt fühlen und die Gesamtbedingungen für alle – vom Erntehelfer bis zum Barista – stimmen.

Wenn dich dieser Absatz etwas orientierungslos zurücklässt, hör gern in die Folge rein und guck dir gern auch die Doku zu meiner Reise nach Guatemala an.

Kann man Kaffee nachhaltig kaufen?

Grundsätzlich ja. Inwieweit, das dann wirklich nachhaltig ist, hängt auch von der eigenen Nachhaltigkeitsdefinition ab. Gehen wir mal von der aus, mit der ich mich am meisten anfreunden kann: „Etwas ist nachhaltig, wenn bei gleicher Handlung die Bedingungen auch in Zukunft so bleiben, dass die Handlung weiterhin in selber Weise ausgeführt werden kann.“ Das gilt auf ökologischer, ökonomischer und sozialer Ebene.

Aber selbst dann kann man sich in den vielen Fällen nicht 100%ig sicher sein. Denn auch wenn oft von direktem Handel gesprochen wird, oder langjährigen Beziehungen zu den Produzenten, heißt das nicht immer, dass fair gehandelter Kaffee dabei herauskommt.

Direkt gehandelt hieße für mich, dass Farmer und Röster direkt einen Kaufvertrag abschließen und die Verschiffung, sowie die Finanzierung miteinander ausmachen. Das funktioniert in vielen Ländern schon allein aufgrund der nötigen Lizenzen nicht ohne Zwischenhändler. Hinzu kommen Hürden in der Finanzierung. Wir sprechen hier von Vorkasse oder Kauf auf Rechnung in interkontinentalem Kontext, über mehrmonatige Zeiträume, mit Summen, die teilweise in die hunderttausende gehen. Dazu sind (meist) beide Parteien kaum in der Lage.

Etwas das es zu unterbinden gilt

Nur weil etwas nicht super direkt gehandelt wurde, ist es also noch lange nicht böse. Was es aber in meinen Augen dringend zu unterbinden gilt ist eine Praxis, welche in den letzten Jahren wieder an Popularität zugelegt hat.

Da sich direkt und fair gehandelter Kaffee inzwischen sehr gut verkaufen lässt, scheint es sich für so manch Unternehmen zu rentieren die Kaffeefarmen inkl. Aufbereitungsstation einfach selbst zu kaufen und einen Geschäftsführer vor Ort zu implementieren. Wahlweise kaufen Landwirte sich in Farmen ein und übernehmen die Leitung vor Ort in enger Absprache mit Käufern diesseits des Meeres.

Kaffeehandel weltweit läuft inzwischen vor allem über Handelsportale. Davon sehen wir hier zwei auf dem Bildschirm eines Laptops. Davor liegen zweii fünfzig Euro Scheine.

Natürlich spricht nichts gegen eine kooperative Zusammenarbeit oder auch Finanzierungshilfen, solange dies auf Augenhöhe passiert. Ein positives Beispiel ist das Engagement des Schweizer Unternehmens „die Kaffeemacher“ und ihrer Beteiligung auf der Farm Santa Rita in Nicaragua. Hier geht es darum Erkenntnisse für alle zu gewinnen und die eigentliche Leitung verbleibt im Land – es ist eine Kooperation.

Leider sehe ich inzwischen aber immer mehr Negativbeispiele, die wesentlich mehr bis ausschließlich an den Kolonialismus erinnern. Warum, wieso und weshalb dies geschieht, kann ich nicht belastbar beurteilen und halte mich daher hierzu zurück. Fakt ist, Land von Kleinbauern zusammenkaufen, einen Geschäftsführer einsetzten, der die ehemaligen Bauern als Erntehelfer einstellt und dies als direkten Handel auszugeben, ist für mich leider mindestens eine Themaverfehlung.

Zusammengefasst

Es ist schwer einen einfachen Rat zu geben, wie man sicher sein kann, dass es fair gehandelter Kaffee ist, den man vor sich hat. Je tiefer ich in die Thematik eintauche, desto verzwickter wird die Antwort. Damit du aber einen Anhaltspunkt hast, um irgendwo anzufangen:

Schau wo du viel Information zu dem Kaffee bekommst, der in der Tüte ist. Schau, wer ihn dir verkauft und wie die Firma sonst agiert. Unter 25€ kann ein Kilo fair gehandelter Kaffee nicht kosten.

Außerdem empfehle ich dir die anderen Folgen aus dieser (Links findest du weiter unten). Wenn dich das Thema Kaffeehandel tiefergehend interessiert, kann ich dir außerdem das Buch Cheap Coffee sehr ans Herz legen. Hier lernt man aus erster Hand sehr viel über den Kaffeehandel weltweit.

Tausend Dank fürs Lesen, Hören, Empfehlen und Unterstützen.

*Affiliate Links. Kosten dich nicht mehr, bringen mir aber ein bisschen Provision und damit Unterstützung auf meinem Weg.

Links zur Folge

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Den Podcast findest du auch hier:

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Danke für das Bild an Wildkaffee und Florian Generotzky.

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