Rote reife Kaffeekirschen einer mit Zertifikat versehenen Plantage im Korb des Pflückers.

Wieviel ist wirklich dran am Fair Trade Kaffee?

Aus der Reihe „Kaffeehandel – Licht & Schatten“

Wir Deutsche lieben Zettel mit Stempeln darauf. Kaum etwas zählt mehr als ein solcher Nachweis. Egal wie gut oder schlecht man ist, hat man ein Dokument mit einem Stempel, ist man qualifiziert. Wie wenig Aussagekraft so ein Stück Papier über die wirkliche Qualifikation eines Menschen hat, weiß wohl jeder, der schon einmal eine Gesundheitsbelehrung mitmachen durfte.

Durch den Wunsch vieler Menschen für mehr Nachhaltigkeit und fairem Handel, hat eine spezielle Kategorie „Zettel mit Stempel“ in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen, Zertifikate. Sie prangen mittlerweile auf fast allen Verpackungen, Firmenseiten, sogar Städte werden zu Fair Trade Städten.

Aber wie wirkungsvoll sind Zertifizierungen im Kaffeehandel? Wie funktioniert das Zertifizieren von Kaffee überhaupt und haben auch die Produzenten etwas davon? Darum soll es heute gehen.

Viel Spaß beim Lesen und Hören.

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Wie funktioniert die Zertifizierung von Kaffee?

Ganz grundlegend sollten wir das, was wir hier als Zertifikat betiteln, erst noch mal etwas einteilen. Denn es gibt ganz unterschiedliche Kategorien, welche auch ganz unterschiedlich funktionieren und arbeiten.

Man kann sie unterscheiden nach dem, was sie zertifizieren, bzw. schützen und fördern sollen. Beispielsweise richten sich Zertifizierungen an die Sozialen Bedingungen in Produktion und Handel, manche an die Umwelt. Mit die Bekanntesten sind beispielsweise Fair Trade – das eher das soziale im Fokus hat – und Rain Forest Alliance – das eher den Umweltschutz im Fokus hat.

Dann kann man unterscheiden, ob es sich um Zertifikate oder Eigenlabels handelt. Für mich ist ein Zertifikat etwas, dass nach einer Prüfung durch eine – mehr oder weniger – unabhängige Stelle vergeben wird und von nicht miteinander verbundenen Produzenten und Unternehmen gleichermaßen erlangt werden kann. Die Anforderungen und Zertifizierungsprozesse sind hier auch i.d.R. öffentlich und für alle gleich.

Außerdem könnte man noch unterscheiden, ob es ein Zertifikat aus der Privatwirtschaft ist, also eine eigene Firma, oder ein öffentlich aufgelegtes Siegel, wie z.b. das EU-Bio Siegel.

Wenn dich die Bio-Zertifizierung von Kaffee besonders interessiert, empfehle ich dir Folge 36 „Lohnt sich Bio Kaffee?

Ein Eigenlabel, basiert dagegen auf den internen Eigenansprüchen und oft auch auf Eigenkontrollen der von Unternehmen. Sie legen also selbst fest was, wie, wann, wo und von wem geprüft wird.

Schauen wir uns der Übersichtlichkeit halber mal eines der Bekanntesten an, das Fair Trade Zertifikat.

Wie funktioniert Fairtrade?

Das Fair Trade Zertifikat ist dabei natürlich nur eines von vielen. Aufgrund seiner Bekanntheit, Beliebtheit und Missverstandenheit, nehme ich es hier oft als Beispiel, einfach um dir ein wenig Bezug zu geben. Die grundlegenden Argumente für und wider sind aber bei fast allen Zertifikaten, in unterschiedlichen Ausprägungen und Intensitäten, gültig.

Pro

Als aller erstes sei festgehalten, ohne Zertifikate für fairen Handel oder ökologische Praktiken, wären wir heute bei weitem nicht so weit, wie wir es sind. Sie lenken seit Jahrzehnten Aufmerksamkeit auf ein wichtiges Thema.

Auch ist ihre Intention eine gute. Oft geht es vor allem darum Menschen einen Zugänge zu Mitteln, Wissen und Märkten zu geben, welche sie anderweitig nicht hätten. Ebenfalls spielen Planungssicherheit und das Einstehen und Kommunizieren unserer Werte an hoher Stelle.

All das bricht mit, in Teilen, jahrhundertealten Strukturen und Systemen. Für ein Beispiel dazu brauchst du nur in Folge 81 „Die Verbreitung von Kaffee“, oder in Folge 71 „Große Kaffeeketten – Freund oder Feind“ hineinhören.

Contra

Gut gemeint ist schon immer scheiße. Anders gesagt es funktioniert nicht und verschärft in Teilen sogar die Notlagen und Abhängigkeiten.

Ich als Konsument möchte mit dem Einkauf von Fair Trade zertifizierten Produkten in aller erster Linie die schwächsten in der Wertschöpfungskette unterstützen. Die haben aber ganz oft gar keinen Zugang zu diesen Zertifikaten, weil allein die Hürden der Zertifizierung schon viel zu groß sind. Ein solches Zertifikat zu bekommen bedeutet nämlich oft einen temporäres Absinken von Erträgen, bei gleichzeitig hohen Kosten für den Prozess und die Lizenz (wir sprechen hier von mehreren 1000€ alle paar Jahre). Außerdem richten sich die Zertifikate auch meist nur an größere unternehmerisch geführte Produzentenzusammenschlüsse. Das muss so sein, damit alle Protokolle und Nachweise europäisch exakt geführt werden können. Nur hilft das „den Kleinsten“ leider überhaupt nicht.

Auch muss der so produzierte Kaffee erst mal auch wirklich zu einem Mehrpreis verkauft werden. Das Angebot an Fair produziertem Kaffee ist – meinen Informationen nach – nämlich seit Jahren höher als der Absatz. Die Differenz muss irgendwer zahlen, und das sind mit Sicherheit nicht die großen Fair Trade zertifizierten Unternehmen.

Zum für und wider von Direct Trade und was eigentlich so ein böser Mittelsmann macht, dazu kommt zeitnah eine eigene Folge.

Ein großes Manko ist zudem die Vielzahl von diversen Siegeln und Labeln mit allerlei spezifischen Anforderungen und Bedingungen. Selbst innerhalb des gleichen Zertifizierungsunternehmens gibt es unterschiedliche Abstufungen und Ausführungen. Das man bei der Suche nach einem fairen Kaffee dabei die Übersicht verliert ist nur allzu verständlich.

Wenn dich interessiert, was gestandene Kaffeeproduzenten zu diesem Thema sagen, dann hör in den Podcast rein, da habe ich zwei von ihnen dazu befragt.

Die Tricks der Konzerne

Dazu kommt jetzt auch noch der schnöde Mammon. Uns ist fairer und ökologischer Handel immer wichtiger, sprich wir sind bereit dafür immer mehr Geld auszugeben. Zunächst mal eine schöne Sache. Das hat aber inzwischen auch wirklich jeder Konzern mitbekommen und in vielen Fällen ging der daraus resultierende Auftrag leider vor allem an die Marketing Abteilung.

Das Thema Green Washing ist leider ein riesiges. Durch die schiere Flut an Zertifikaten und Labels, weiß kaum ein Konsument mehr was wirklich dahinter steckt. Also reicht oft ein schönes Logo, eine eigene Unterseite beim Internetauftritt, vielleicht ein bisschen Social Media Arbeit und natürlich super formulierte Ansprüche. Mach dir mal die Mühe und lies bei den Labels was wirklich abgefragt und kontrolliert wird.

Als Beispiel darf man bei manchen Zertifikaten das gesamte eigene Produkt entsprechend ausweisen, sobald 10% des Gesamteinkaufs der Firma nach diesen Standards abläuft. Also würden 100g zertifiziert gehandelter Kaffee in 1kg ausreichen, damit es entsprechend gelabelter Kaffee sein darf. Ob diese Bohnen dann auch wirklich drin sind, weiß man aber auch nicht.

Zusammengefasst

Sollte man also Abstand halten von Zertifikaten? Nein. Ich denke ohne sie wären wir in dieser ganzen Diskussion nicht da, wo wir heute sind. Außerdem gibt es partiell gute Gründe auf Zertifikate als Absicherung oder Orientierung zurückzugreifen. In meinen Augen sollte man sie aber auch realistisch betrachten und eine riesige Portion der rosa roten Nachhaltigkeitsbrille ablegen, wenn man ihre Beschreibungen liest. Letzteres sollte man sowieso genauestens ausführen, wenn man auf die Unterstützung durch ein solches Siegel angewiesen ist.

Dinge, Zertifikate, Menschen, Situationen etc. sollte man auch grundsätzlich nicht über einen Kamm scheren, dass ist nie korrekt und geht selten gut aus, gleichwohl es einfach ist. Es gibt eben Zertifikate die zumindest stets bemüht sind, genauso wie welche, die ausschließlich dafür entwickelt wurden entweder uns zu täuschen und/oder die jeweilige Verhandlungs- & Marktposition zu verbessern.

In diesem Sinne Augen auf beim Kaffee Kauf.

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